Salar, Sara: Hab ich mich verirrt? Salar, Sara

Hab ich mich verirrt?

Roman. Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich
176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ 19,95 [D] € 20,60 [A] SFr 33,90

ISBN 978-3-87410-132-5
Erscheint zur Buchmesse Oktober

Biografie Leseprobe


Dieser eine Tag einer 35-jährigen Frau in Teheran, verheiratet und mit 5jährigem Sohn Samyar, ist nahezu die Summe ihres bisherigen Lebens. Sehr subtil und originell sind die erinnerten oder erdachten Szenen mit den im Roman tatsächlich stattfindenden Ereignissen verknüpft.
Gandom, ihre Freundin und wichtigste Bezugsperson, ihr alter ego, tritt während des gesamten Romans nur im Bewusstseinsstrom der Frau ohne Namen in Erscheinung. Seit acht Jahren trifft sie Gandom nicht mehr, die sie dennoch schmerzlich vermisst.
Auf der Suche nach der „verlorenen“ Freundin „verirrt“ sie sich in eine Zeitungsredaktion, deren Chef Farid Radar ist – ein früherer Studienkollege und ehemals fester Freund Gandoms. Ihre Abhängigkeit von der Jugendfreundin, scheint durch diese und andere Begegnungen, durch die Fragen ihres Psychiaters, die besorgten oder neugierigen Fragen ihres Söhnchens, auch durch einen Autounfall, eine positive Wendung in Richtung ihrer Selbständigkeit zu nehmen.
Das Teheraner Alltagsleben, die Sitten und die Politik im Iran sind die Folie, auf der dieser Kampf einer gebildeten, intellektuellen Frau der Mittelschicht um ihr Selbst stattfindet.

Biografie

Sara Salar

Sara Salar, * 1966 Zahedan, Iran, lebt in Teheran. Sie hat den Bachelor in Englischer Literatur von der Universität Teheran. Seit 1992 ist sie mit
dem Drehbuchautor und Regisseur Sorush Sehat verheiratet. 2009 kam „Hab ich mich verirrt?“ in Teheran heraus und erreichte in weniger als einem Jahr 4 Auflagen mit über 16.000 Exemplaren, bevor es von der Zensurbehörde verboten wurde. Das Buch gewann den „Golshiri Literaturpreis“ und den ersten Platz bei Iranian Literature Today. Aus d. Persischen v. Jutta Himmelreich. Eine italienische Ausgabe erscheint demnächst. Is it or not, ihr nächster Roman, kam soeben (2014) heraus und ist bereits in der 2. Auflage.

Leseprobe

Vor dem Kindergarten angekommen, nehme ich die Sonnenbrille ab und inspiziere mein Auge im Rückspiegel. Der violette Lidschatten kaschiert kaum, dass es noch blau ist. Ich packe meine Flasche Wasser in die Handtasche, setze die Sonnenbrille wieder auf bevor ich aussteige und krempele die Ärmel der Bluse, die ich unterm Mantel trage herunter, um die Verletzungen an Unterarm und Handgelenk zu verdecken, so gut es eben geht. Als der Wachmann am Eingang mich sieht, gibt er drinnen Bescheid, dass ich da bin, um Samyar abzuholen. Manchmal würde ich mein Leben dafür geben, zu erfahren, wie es mir erging, als ich in Samyars Alter war. Nur ein ramponiertes Schwarzweißfoto ist mir aus jener Zeit geblieben. Mein Vater sitzt im Nadelstreifen da, ein Bein, das linke, glaube ich, übers rechte geschlagen und scheint mit zuversichtlicher Miene zu sagen, dass er vorläufig nicht die Absicht hat, das Zeitliche zu segnen. Meine Mutter, rund und mollig, in einem weiten geblümten Kleid, hält Arash auf dem einen, Arman auf dem anderen Arm, beide in weiße Windeln gewickelt, die Gesichter der Kamera zugewandt, und ich, Samyar bis aufs Haar gleich, stehe zwischen beiden, trage ein kurzes Spitzenkleid, lange glatte Haare und ein Lächeln, vor Freude oder auch nur zur Freude des Fotografen.
Ich hatte Gandom gesagt, mein Vater sei Grundbesitzer … Ich saß ganz hinten in der Klasse … Warum eigentlich immer in der letzten Reihe? … Ich behielt die Eingangstür im Blick und fragte mich, ob die stellvertretende Direktorin jetzt Gandom aufrufen und sie dann auch in meine Klasse kommen würde? … Es wäre einfach besser, wenn sie nicht mit mir in einer Klasse wäre, besser, wenn ich immer allein sein könnte, wie damals
im Kindergarten, in der Vorschule, in der Grundschule.
„Darf ich hier sitzen?“, hatte Gandom gesagt. […] Wie der Blitz stürzt Samyar auf mich zu. Auch heute will er albern und toben, statt ins Auto zu steigen. Ich packe ihn am Kragen wie ein Katzenbaby, verfrachte ihn auf die Rückbank und fahre los. Samyar sitzt still und schmollt. Er weiß, dass er keinen Mucks sagen und sich auch nicht rühren darf, denn mit Mama ist heute mal wieder nicht zu spaßen, so gereizt, nervös und angespannt wie sie ist. Er weiß, dass er sich gedulden muss, bis die Gewitterwolken sich verzogen haben und Mama wieder bessere Laune hat … Der Mann im Radio sagt: „Laut offiziellen Angaben gibt es landesweit eine Million und vierhunderttausend, inoffiziellen Zahlen zufolge vier Millionen Drogenabhängige ...“
Ich sagte dem Arzt: „Ich frage mich, ob ich eine gute Mutter bin. Das macht mir Sorgen.“

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