Schabnam Zariâb - Mein afghanischer Pianist Zariâb, Schabnam

Mein afghanischer Pianist

Roman. Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich
182 Seiten, gebunden
€ 19,95 [D] € 20,60[A] SFr 28,50

ISBN 978-3-87410-117-2

Erschienen und ab 29. April 2013 bestellbar bei Verlag und Buchhandel.

Biografie

Goldfische im Meer der Freiheit

Mit Mein afghanischer Pianist veröffentlichte Shabnam Zariâb (*1982, Kabul) 2012 ihren ersten Roman. Er beschreibt das letzte Jahr eines kleinen Mädchens in Kabul in einer intellektuellen Familie unter russischer Besatzung. Milad, ihr Klassenkamerad schützt und rettet sie bei einem Bombenattentat der Taliban auf dem Schulhof, was sie für immer mit ihm verbindet. Flucht der Familie vor der drohenden Übernahme des Landes durch die Taliban nach Montpellier in Frankreich. Obwohl gänzlich französisch sozialisiert lassen das Erbe ihrer Kindheit in Afghanistan und die Erinnerung an Milad sie nicht los. Das Erlebnis der öffentlichen TV-Ausstrahlung des 11. September führt zu ihrem Versuch, nach Kabul zurückzukehren. Sie kann sich nicht vorstellen, was ihr dort unter den seit Jahren herrschenden Taliban blüht – ein spannendes, literarisch gelungenes, Migrantenschicksal.

Biografie

Schabnam Zariâb

Schabnam Zariâb (*1982) lebt und arbeitet in Frankreich und widmet sich der Literatur und dem Film. Das Buch erhielt neben dem Prix Méditerranée des Lycéens auch den Preis des Festival du premier roman de Chambéry als bester Roman und wurde zum „Coup de coeur du jury“ vom Salon des Debütromans in Draveil gewählt. Ihre Mutter ist die afghanische Autorin Spojmai Zariâb.

Leseprobe

Auszug aus dem Schlusskapitel.
Laïly ist in Afghanistan, auf der Suche nach ihrem Freund aus Kindertagen.

Im Flur kommen kleine Schritte näher, zögernd. Eine Frauengestalt erscheint, klein, hager, fast zum Skelett abgemagert, ihr Gesicht gezeichnet, das weiße Haar unter einem Tschador verborgen. Ihre Augen sind makellos grau. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet. Etwas an ihr ist mir vertraut: Ihr durchdringender Blick … ist Milads Blick. Ich stelle sofort die Verbindung her. Jetzt erkenne ich die Frau wieder. Ich habe das vor Augen, was von Sima Dschan übrig geblieben ist. Welch eine Wandlung! Wie kann sie sich so sehr verändert haben? Wo hat sie nur ihre hübschen Kostüme und ihre hohen Absätze gelassen? Nie zuvor hatte ich sie verschleiert gesehen. Sima wird begleitet von einer dürren, hochgewachsenen Frau mit ernster Miene. Gedankenverloren sehe ich meine Freundin Makiz aufspringen, um die beiden zu begrüßen und tue es ihr gleich. Wir umarmen einander zur Begrüßung. Wie gern würde ich Sima Dschan fest in meine Arme schließen, doch sie hat mich nicht erkannt. Wir nehmen wieder am Boden Platz. Sima Dschan sitzt uns im Schneidersitz gegenüber und zählt geistesabwesend die Perlen ihrer Gebetskette ab. Die alte Dame an ihrer Seite fordert uns auf, zu essen, zu trinken. Ich bekomme keinen Bissen hinunter, so sehr bekümmert mich Simas trauriger, verstörter Anblick. Ich erstarre unter dem strengen Blick ihrer Begleiterin. Kerzengerade sitzt sie da, wie eine Herrscherin. Es entspinnt sich ein Gespräch über Gott und die Welt, auf Paschtu. Meine Freundin Makiz stimmt mit ein. Die Drei sprechen zu schnell und ich verstehe nur wenig. Mir fällt lediglich der unterschwellige Zorn auf und ich verstehe Worte wie Amerikaner, Dschihad, Gott, Gebet, jüngstes Gericht, Gefahr … All das kommt so überraschend. Niemand fragt uns, wer wir sind und warum wir hier sind. Die Hauptsorge scheint zu sein, dass wir essen. Ich werde ungeduldig. Ich schaue Sima Dschan an und frage sie, zurückhaltend, auf Farsi: „Sie haben mich wohl nicht wiedererkannt …“ Erstaunt, verlegen erwidert Sima Dschan meinen Blick. Nach langem Zögern fragt sie mich schließlich, ob ich die Tochter eines ihrer ehemaligen Schüler sei. Leise antworte ich ihr, dass ich Laïly bin, Milads Spielkameradin aus Kindertagen. Makiz fügt noch hinzu, ich sei extra aus Frankreich gekommen, um ihn wiederzusehen. Diese Offenbarung ist mir peinlich, ich werde rot und senke den Kopf, um mich zu verstecken. Doch plötzlich springt Sima Dschan auf und nimmt mich in die Arme. Sie stützt ihren Kopf auf meine Schulter. Ich fühle nur noch ihre Tränen auf meiner Haut, ihre Weinkrämpfe, höre ihr Schluchzen. Ich verstehe kein Wort. Sie berührt mich, streicht mir seufzend über die Haare, übers Gesicht. Ich nehme sie in die Arme, kann jeden ihrer Knochen spüren, die zittern wie Laub im Wind. Ich versuche Sima Dschan zu beruhigen. Sie versucht zu sprechen, bringt kein Wort über die Lippen und seufzt schließlich, zutiefst erschüttert: „Mein Milad …“ Schnippisch fragt ihre alte Begleiterin: „Von welchem Milad reden Sie? Sagen Sie diesen Namen nie wieder. Er heißt jetzt Maulawi Sahib Rahman Khan!“ Der religiöse Titel des Maulawi und dieser neue Name passen überhaupt nicht zu meinem kleinen Milad. Ich erlaube mir, zu fragen, wer seinen Namen geändert hat. Meine Frage bringt die alte Frau in Rage: Sie hört auf, die Perlen ihrer Gebetskette zu bewegen und mustert mich voller Verachtung, während Sima Dschan weiter schluchzt.
„Bist du etwa eine Ungläubige?“, fragt mich die Alte. „Nein, ich bin nicht ungläubig. Ich will nur wissen, was passiert ist …“

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