Was bleibt
Von Gabriele Stötzer, Thüringer Allgemeine, 26.04.2005 
 
Die Edition Büchergilde präsentiert "Die Verschwiegene Bibliothek" mit bisher unveröffentlichter DDR-Literatur und führt uns damit sacht in ein Geheimnis ein, das wie so viele Wahrheiten um uns scheinbar immer vorhanden war, aber erst gebündelt als Tatsache wahrgenommen wird. Es geht um Worte, Literatur, getextetes Standhalten eines Widerspruchs in einer Zeit, die glaubte, nur sich selber gegenüber verantwortlich zu sein. Neue Namen mit mutigen Lebensentwürfen. Zum Beispiel Edeltraud Eckert. Als sie erfuhr, dass die KZ mit deutschen Gefangenen nach dem Krieg weitergeführt wurden, verteilte sie mit drei Freunden Flugblätter. Sie war 20 Jahre jung, als sie 1950 zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde und sich im Strafvollzug Waldheim wiederfand, mitten unter den Gefangenen, für die sie eben noch eingetreten war. Im März 1954 wurde sie nach Hoheneck verlegt, wo sie nach fünf Jahren schlauchender Gefangenschaft einen tödlichen Arbeitsunfall hatte. 

Sie war gerade 25.

Es wurde still um sie. Ein Schweigen begann, das immer dann eintrat, wenn auch aus unserer Nähe jemand verschwand. Keiner fragte, keiner wusste etwas, scheinbar schien es diese Menschen nicht mehr zu geben, auch für mich nicht, bis ich eines Tages selber verschwand. Ich kam wegen einer Unterschrift gegen einen politischen Übergriff der DDR-Regierung ins Gefängnis. Zu einem Jahr Strafvollzug verurteilt, landete ich 1977 in Hoheneck, der Mörderburg. So genannt, weil es dort Mörderinnen gab und andere kriminelle Langstraferinnen, aber auch politische Gefangene, die durchgehend längere Strafen hatten als ich. Die Politischen waren unter die Kriminellen verteilt, dreistöckig übereinander schliefen bis zu 55 Gefangene in einer Zelle. Hoheneck war früher eine Burg, bestand aus dicken Wänden, Kälte, Feuchtigkeit und einer Nasszelle zur Bestrafung. 1977 gab es warmes Wasser und wir hatten zwar durchgelegene, aber richtige Matratzen, früher schlief man hier auf Stroh. Alle Gefangenen mussten im Dreischichtsystem arbeiten. 

Von Edeltraud Eckert erfuhr ich eines Nachts, als wir wie so oft vor Ermattung und Sorgen doch nicht schlafen konnten - sie war eine der Ahnfrauen von Hoheneck. Wie eine andere Alte, die von ihrem eifersüchtigen Ehemann eingemauert war, war sie auf Hoheneck zu Tode gekommen. Gerade darum aber blieben sie hier, ihre Namen und Schicksale, die uns in den Nächten erreichten. Wie dramatische Figuren gaben sie uns Kraft, den schweren Alltag hier immer wieder auf uns zu nehmen und durchzuhalten. Ich erfuhr, dass sie als Mechanikerin an einer der Nähmaschinen mit ihren Haaren in eine Getriebewelle kam, die sich weiterdrehte und ihr die Kopfhaut abriss. An diesem brachialen Akt ist sie nach zwei Monaten voll Elend und unzureichender Hilfestellungen gestorben. Dass sie im Knast Gedichte schrieb, erfuhr ich erst, als mir ihr Buch in die Hände kam - und ich muss sagen, es erfüllte mich mit spontaner Freude. Die begabte Studentin gab auch in der dunkelsten Umgebung nicht auf, sondern holte sich Kraft aus dem, was ihr abgenommen werden sollte - der Sprache. Sie schrieb in Reimen - schlicht und melodiös. In fein gewundenen Gedichten begreift man die Entwicklung ihrer Seele in einer unmenschlichen Umgebung. 38 Gedichte sind in dem Buch und 38 Briefe, der letzte Brief noch aus Meusdorf, dem Knastkrankenhaus, in dem sie eine der vielen Eingriffe in ihre Kopfwunde erfährt, die sich aber nicht mehr schließen lässt. 

Ihre Briefe bewogen mich, meine Knastbriefe aus Hoheneck noch einmal in die Hand zu nehmen. So ein Knastbrief, den sie einmal monatlich, ich einmal wöchentlich auf eine Blattseite begrenzt schreiben konnte, unterlag bestimmten Einschränkungen, die man versuchte mit viel Geschick zu umgehen. Man durfte über die Knast-, Lebens- und Arbeitsumstände nichts schreiben. Über Mitgefangene auch nicht und trotzdem wollte man sich draußen begreiflich machen. In den Briefen der Eckert erkenne ich den Balanceakt von Unterwerfung unter die alltäglichen Familiengeschehnisse. Man bettelt um die Beschreibung des Alltags, fragt um Kleinigkeiten, als ob einen das halten könnte vor dem Verschwinden in dem drohenden Nichts. Für die Eckert ist die Handschrift der Mutter wichtig, prägend. In ihren wie in meinen Briefen lese ich den Versuch, anderen draußen Mut zu machen und gleichzeitig etwas Besonderes zu geben, ihnen ein Geschenk machen zu wollen mit eigenen Gedanken, denn die Hände waren leer. Die anderen Gefangenen gibt es in den Briefen nicht. Der Mittelpunkt der Briefe ist ein einsames, sehnsuchtsvolles und schmerzliches Selbst, dem ein Blick aus dem Fenster bleibt, an dem es resümieren kann. 
Im Nachwort der Herausgeberin Ines Geipel steht ein Zitat der Eckert: "Es herbstet, der Winter wird kommen und damit Weihnachten. Ich habe mir abgewöhnt zu fragen: Wie viele noch? Einmal, aber das liegt so weit, muss es ja so sein. Es fragt sich nur, was dann von dem Menschen, der damals von euch ging, übrig geblieben ist."Für mich ist sehr viel von Edeltraud Eckert übrig geblieben. Eben gerade zu sehen, wie sie nach fünf Jahren Knast noch in dieser Leere gräbt, und immer wieder neue Funken der Kraft und Schönheit entwickelt. Ihre Dichtung ist voll prickelnder Spannung eines Weges zwischen Leben und Aufgeben und gibt uns zusätzlich Anteil an einem Gemütszustand, den zigtausende Strafgefangene mit und nach ihr erlebten. Am 18. April 1955 starb Edeltraut Eckert mit 25 Jahren in der Universitätsklinik Leipzig. Wer mehr über ihre Denk- und Leidenswelten erfahren will, dem empfehle ich das Buch "Jahr ohne Frühling", denn da trifft man auf eine Frau, die in dunkler Schwere Worte läuternder Klarheit findet, die auch heute erstaunliche Anziehung beweisen, und die man unbedingt kennen lernen sollte. 

Gabriele Stötzer im P. Kirchheim Verlag:    
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 Die bröckelnde Festung  Das Leben der Mützenlosen


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